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Geflüchtete Kinder in Deutschland: Wo stehen wir bei der Integration in Kita, Hort und Grundschule heute?

Eine große Zahl von Asylsuchenden kam 2015 und 2016 nach Deutschland, unter ihnen viele Kinder. Inzwischen sind zahlreiche Mädchen und Jungen mit Fluchterfahrung in Kitas, Horten und Grundschulen angekommen. Doch wie gelingt die Integration in den Einrichtungen? Wie gehen pädagogische Fach- und Lehrkräfte mit den neuen Herausforderungen um, und wie können sie effektiv bei der Integrationsaufgabe unterstützt werden?

Berlin, 23. November 2016

Unter der Schirmherrschaft von Patricia Lips, Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, veranstaltete die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ ein Parlamentarisches Frühstück im Deutschen Bundestag. Vier Expertinnen und Experten diskutierten nach Impulsvorträgen mit 15 Abegordneten zum Thema „Geflüchtete Kinder und ihre Integration in Kita, Hort und Grundschule“.

Die Vorträge hielten:

  • Dr. Nora von Dewitz, Mercator Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache
  • Mona Massumi, Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität Köln
  • Dr. Galina Putjata von der Universität Münster
  • Prof. Dr. Hans-Günther Roßbach vom Leibnitz-Institut für Bildungsforschung

Alle Expertinnen und Experten waren sich einig: Besonders wichtig ist es, geflüchtete Kinder so früh wie möglich zu fördern und ihnen den Besuch einer Einrichtung zu ermöglichen, um eine erfolgreiche Integration zu ermöglichen. Pädagogische Fach- und Lehrkräften sollten durch Bildungsangebote Kompetenz und Selbstvertrauen im Umgang mit zugewanderten Kindern und deren Eltern erhalten.

Service-Portal Integration

Bereits 2015 hatte das „Haus der kleinen Forscher“ Abgeordnete des Deutschen Bundestags zu einem Austausch mit Expertinnen und Experten zum Thema „Integration geflüchteter Kinder in Kita, Hort und Grundschule“ eingeladen, bei dem der Bedarf nach einem praxisnahen und frei zugänglichen Unterstützungsangebot für Pädagogische Fach- und Lehrkräfte deutlich wurde. Bestärkt durch diese Diskussionen und den Input der Expertinnen und Experten hat die Stiftung 2016 ihr Angebot um das Service-Portal Integration erweitert. Das Online-Portal bietet pädagogischen Fach- und Lehrkräften eine Anlaufstelle bei Fragen rund um die Integration von geflüchteten Kindern. Neben Praxisideen, Hintergrundinformationen oder Experteninterviews ermöglicht das Portal Pädagoginnen und Pädagogen in einer moderierten Facebook-Gruppe den Erfahrungsaustausch untereinander.

Service-Portal Integration

Empfehlung an die Politik: Handlungsfähige Strukturen schaffen und fest im Bildungssystem etablieren

Dr. Nora von Dewitz und Mona Massumi eröffneten die Runde mit einer Vorstellung des aktualisierten Teils ihrer Studie „Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem“: 2016 stieg die Zahl der Erstanträge trotz Rückgang der Flüchtlingszahlen, da viele Anträge mit Verzögerung bearbeitet werden. Damit steigt auch die Zahl der Rechtsansprüche auf einen Kita- oder Grundschulplatz. Ein großes Problem sei, so die Kölner Wissenschaftlerinnen, dass der Besuch einer Bildungseinrichtung für geflüchtete Kinder nicht in allen Bundesländern von Anfang an gleichermaßen umgesetzt würde. Dies sei aber dringend notwendig, um ihnen eine lückenlose Bildungsbiographie zu ermöglichen und ihre Integration zu befördern.

Weiter betonten die Expertinnen, dass es zwar viele aktuelle Angebote für geflüchtete Kinder gäbe, diese aber dringend in Form von konkreten Strukturen fest im Bildungsangebot verankert werden müssten, damit sie nachhaltig wirken können. Entscheiderinnen und Entscheider sollten nicht nur auf aktuelle Entwicklungen reagieren, sondern Strukturen schaffen, die unabhängig davon handlungsfähig sind.

Hohe Erwartungen an die Leistung der Kitas

Prof. Dr. Hans-Günther Roßbach berichtete im Anschluss von zentralen Ergebnissen eines Gutachtens, das vom „Aktionsrat Bildung“ veröffentlicht wurde. Das Fazit: Die Gesellschaft habe hohe Erwartungen an die Leistung der Kitas. Es ist jedoch unklar, ob diese erfüllt werden können. Es ist auch weiterhin nicht bekannt, wie viele geflüchtete Kinder tatsächlich Einrichtungen besuchen und wie Fach- und Lehrkräfte die Situation empfinden.

Prof. Dr. Roßbach verwies zudem auf die vom BMBF geförderte Studie des Leibniz-Instituts „Refugees in the German Educational System“: Im Rahmen der Studie befragen Wissenschaftler 4.800 Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung und testen ihre Deutschkenntnisse. Erstmals werden die Befragungen und Tests über einen Zeitraum von mehreren Jahren wiederholt werden, so dass Entwicklungen im Spracherwerb nachvollziehbar werden. Erste Ergebnisse sollen bereits Anfang 2018 vorliegen.

Selbstwirksamkeit von pädagogischen Fach- und Lehrkräften stärken

Dr. Galina Putjata ist Dozentin am Institut für Erziehungswissenschaft der Uni Münster und engagiert sich ehrenamtlich als wissenschaftliche Begleitung beim Kinder- und Elternzentrum „Kolibri“ e. V. in Dresden. Sie nannte drei wesentliche Probleme bei der Integration geflüchteter Kinder in Kita, Hort und Grundschule.

  1. Die Erwartungen an das, was pädagogische Fach- und Lehrkräfte für die Integration von neu zugewanderten Kindern leisten sollten, sind oft zu hoch. Die pädagogischen Fach- und Lehrkräften fühlen sich im Umgang mit vielsprachigen Kindergruppen überfordert, da ihnen nicht selten grundlegendes Wissen über den Umgang mit Mehrsprachigkeit und zum Erwerb von Zweitsprachen fehle.
  2. Die sprachliche Entwicklung von zugewanderten Kindern wird oft falsch eingeschätzt, da in der Regel nur der deutsche Wortschatz der Mädchen und Jungen betrachtet werde. Der Entwicklungsstand in der Muttersprache dagegen wird außer Acht gelassen. Kinder werden daher als therapiebedürftig eingestuft, obwohl eine gezielte Förderung die richtige Antwort wäre.
  3. Entscheider im Bildungsbereich greifen zu wenig auf die Expertise von zugewanderten Fachleuten, d.h. Lehrerinnen und Lehrern und Erzieherinnen und Erziehern zurück.
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