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Zur öffentlichen Diskussionsrunde in Berlin am 4. September 2012 kamen 150 Menschen, die sich über das Engagement des "Hauses der kleinen Forscher" und Leuchtpol austauschen wollten.

Karl Eugen Huthmacher aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung eröffnete die Veranstaltung. Seine These: Kinder müssten gefördert werden ohne sie dabei einzuengen.

Kate Maleike, Redakteurin und Moderatorin beim Deutschlandfunk, führte durch die Veranstaltung.

Christine Sauer (Leuchtpol) und Peter Rösner (Haus der kleinen Forscher)

Christine Sauer (Leuchtpol) und Peter Rösner (Haus der kleinen Forscher) waren als Gastgeber besonders gespannt auf die Meinungen der Experten und des Publikums.

Naturwissenschaften in der Kita bedeute nicht, mit den Kindern das Periodensystem anzuschauen, so die Pädagogikexpertin Mirjam Steffensky.

Das Kind sei der Ausgangspunkt von allem, betonte Soziologin Christa Preissing.

Die Gäste diskutierten nach dem Podium weiter: Überfrachten wir die Kindheit? Wo wird Förderung zu Überforderung? (Fotos: Dagmar Heene)

Dialog mit Experten und Publikum

Bildung in der Kita: Fördern ohne einzuengen

Naturwissenschaftliche Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung haben sich im Elementarbereich mittlerweile etabliert. Naturwissenschaften begegnen uns überall, die Beschäftigung damit ermöglicht bereits Kleinkindern wertvolle Erkenntnisse und Fähigkeiten. Bildung für nachhaltige Entwicklung will bei Kindern in Zeiten von Klimawandel, Rohstoffknappheit und schwindender Biodiversität nachhaltiges Denken und Handeln fördern. Die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ hat zusammen mit Leuchtpol, dem größten Bildungsprojekt für Nachhaltigkeit in deutschen Kindergärten, am 4. September 2012 bei einer Dialogveranstaltung in Berlin die Frage gestellt: Mit welchen Möglichkeiten und Herausforderungen werden pädagogische Fachkräfte und Kinder durch beide Bildungsbereiche konfrontiert?

 

Ministerialdirektor Dr. Karl Eugen Huthmacher, Leiter der Abteilung „Zukunftsvorsorge – Forschung für Grundlagen und Nachhaltigkeit" im Bundesministerium für Bildung und Forschung, eröffnete die Veranstaltung im Ludwig Erhard Haus. Er betonte in seinem Grußwort die Notwendigkeit des wissenschaftlichen Nachwuchses insbesondere in der Nachhaltigkeitsforschung. Gleichzeitig machte er auf das Spannungsfeld zwischen der Freiheit des Kindes und den hohen Erwartungen, die die Gesellschaft an jedes Einzelne stelle, aufmerksam. So folgten viele Eltern dem Leitbild des perfekten Kindes: Förderung solle möglichst geradlinig und reibungslos verlaufen. Im Kern ginge es jedoch darum, Kinder zu fördern, ohne sie vollends ihrer Freiräume zu berauben. Wichtig sei es letztendlich, die Neugier der Kinder auf das Leben zu wecken. Die Erzieherinnen und Erzieher müssten versuchen, diese Neugier und Motivation bestmöglich zu bewahren und zu fördern.

Auf dem Podium diskutierten Experten aus Wissenschaft, Bildung und Verwaltung:

  • Christian Füller, freier taz-Redakteur und Autor
  • Norbert Hocke, Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
  • Dipl.-Phys. Thorsten Kosler, wissenschaftlicher Mitarbeiter F.B.E. Leuchtpol, Institut für integrative Studien (infis), Leuphana Universität Lüneburg
  • Dr. Christa Preissing, Direktorin des Berliner Kita-Instituts für Qualitätsentwicklung (BeKi), Vizepräsidentin der Internationalen Akademie (INA) gGmbH an der FU Berlin
  • Prof. Dr. rer. nat. Mirjam Steffensky, Professorin für Didaktik der Chemie am IPN Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Universität Kiel

"Nicht die Quantenphysik neu erfinden"
Christian Füller plädierte gleich zu Beginn dafür, vor allem die Kinder im Blick zu behalten: Sie sollten die Gelegenheit haben, Phänomene zu erkunden. Dabei sollte jedoch stets darauf geachtet werden, es nicht zu übertreiben. Teilweise seien die Sachen doch zu komplex. Mirjam Steffensky wollte Letzteres nicht teilen, schließlich sei jedes Phänomen komplex. Im Kern ginge es nämlich darum, gemeinsam Erklärungen zu erarbeiten, die die Kinder verstünden. Naturwissenschaften in der Kita hieße nicht, sich das Periodensystem anzuschauen oder die Quantenphysik neu zu erfinden, meinte die Professorin.

Die Soziologin Christa Preissing schloss sich Christian Füllers Meinung teilweise an und beschrieb das Kind als Ausgangspunkt für alle Bemühungen. Sie ermahnte, auf Qualität statt Quantität zu achten. So sei nicht die Anzahl der Experimente entscheidend. Wichtig sei viel mehr, in die Tiefe zu gehen. Die Erzieherinnen und Erzieher aber auch die Eltern sollten einen Dialog mit den Kindern führen und sich nicht scheuen, sich länger mit ihnen auszutauschen und zu philosophieren. Diese Überlegung teilte auch Norbert Hocke. Er forderte von den Bildungsinitiativen, sich den Themen über die Philosophie zu nähern, die Fragen der Kinder auf- und ernstzunehmen. Thorsten Kosler betonte, dass es nicht nur darum ginge, die Dinge zu verstehen. Wichtig sei auch das Reflektieren: Was bedeutet die Erkenntnis für den einzelnen und die Gesellschaft? Indem Kinder zum Beispiel eine Müllkippe besichtigen, könnten sie erkennen, dass Müll nicht einfach verschwindet.

"Erzieherinnen sind keine Gymnasiallehrer"
Was kann eine Kita überhaupt leisten? Norbert Hocke warnte davor, die Kita zu überfrachten und zur Schule zu machen. Schließlich seien auch die Erzieherinnen und Erzieher keine Lehrer und würden eine ganz andere, weniger fachspezifische Ausbildung als Lehrkräfte absolvieren. Als Frühbildungsinitiative müsste man daher daran arbeiten, das Hintergrundwissen der Erzieherinnen und Erzieher zu erweitern, ohne die Kernfunktion der Einrichtungen zu vergessen - nämlich die Kinder zu eigenständigen und sozialen Persönlichkeiten zu erziehen.

Dieser Aussage erwiderte der Journalist Füller: Die Kernfunktion stehe außer Frage. Die Entwicklung könne nur in eine Richtung führen und zwar nach vorn. Kitas seien keine Aufbewahrungsanstalten mehr, sondern Bildungseinrichtungen. Sie und die Erzieher und Erzieherinnen müssten in Bewegung bleiben. Mirjam Steffensky verwies an dieser Stelle nochmals auf den zentralen Ansatz, dass es nicht darum ginge, alles zu wissen, sondern die Kinder bei ihrem Erkenntnisprozess zu begleiten. Eine Teilnehmerin aus dem Publikum ergänzte dazu, dass die Angebote der Initiativen für sie neue Impulse im Umgang mit den Kindern seien. Vieles, das sich eine Fachkraft im Bereich Naturwissenschaften aneigne, könne sehr gut auch auf andere Bereiche im Kita-Alltag übertragen werden. Sie habe zudem erlebt, dass die Fortbildungen im Bereich Naturwissenschaften immer die spannendsten waren. Sie ermöglichten nicht nur, Naturwissenschaften besser in die Kita zu integrieren, sondern auch selbst wieder über Phänomene staunen zu können.

"Die Natur kommt zu kurz"
In einem Punkt waren sich Podium und Publikum größtenteils einig: Vor allem käme die Beschäftigung mit der Natur an sich viel zu kurz. Die natürliche Umgebung kennen zu lernen sei schließlich eine Voraussetzung, um überhaupt Erkenntnisse zu gewinnen und Erfahrungen abzuleiten. So berichtete eine Teilnehmerin aus dem Publikum, dass die Möglichkeiten, die Natur zu erforschen, stark abgenommen hätten. Das läge an den schwindenden Erfahrungsräumen, allerdings auch an den Vorbehalten der Eltern. Zu nass, zu schmutzig sei der Aufenthalt in der freien Natur. Eine andere Teilnehmerin berichtete gar von einem Thementag zur Erforschung des Waldes, der in der Kita stattfinden sollte anstatt im Wald selbst. Die klare Forderung war daher, die Sicherung natürlicher Erfahrungsräume, auch institutionell, zu unterstützen und den Kontakt zur Natur in den Bildungsprogrammen stärker als bisher zu betonen.

Intensiver Austausch auch abseits des Podiums
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion hatten alle Gäste an Dialogtischen die Möglichkeit, Aussagen zu vertiefen und zu ergänzen. Viele aus dem Publikum schlossen sich der Meinung des Podiums an, sich am Kind zu orientieren und dessen Alltagswelt aufzugreifen. In den Angeboten der Bildungsprojekte sehen sie vor allem eine Anregung, die geforderten Bildungsziele umzusetzen. Dies ginge jedoch nur, wenn die Kita-Fachkräfte an einem Strang ziehen würden und die institutionellen Bedingungen gegeben seien. Ein weiterer wichtiger Faktor sei auch die Arbeit mit den Eltern. Diese müssten noch mehr ins Boot geholt werden.

Dr. Peter Rösner, Stiftungsgeschäftsführer „Haus der kleinen Forscher“ und Leuchtpol-Geschäftsführerin Christine Sauer resümierten, dass sowohl die Expertenstimmen als auch die Publikumsbeiträge zeigten, dass beide Initiativen bereits viel erreicht hätten und auf einem guten Weg seien. „Wir freuen uns zu hören, dass wir mit unseren Inhalten Impulse setzen und die Auseinandersetzung mit Naturwissenschaften fördern“, so Rösner. „Trotz dessen gilt auch für unsere Stiftung, immer in Bewegung zu bleiben und neue Anregungen aufzunehmen, da wir uns als lernende Organisation verstehen.“ Christine Sauer zieht ebenfalls eine positive Bilanz: "Mit der Veranstaltung haben wir erreicht, dass die pädagogischen Fachkräfte ihre Erfahrungen an uns weitergeben und dass alle noch voneinander lernen können.“

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