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Fachforum: Frühe Bildung in Sprache und Naturwissenschaften

Sprechen gehört zum Forschen

Wirkt sich naturwissenschaftliche Bildung in frühen Jahren positiv auf die sprachliche Bildung und Entwicklung bei Kindern aus? Profitiert die naturwissenschaftliche Kompetenzentwicklung vom sprachlichen Dialog? Welche Praxiskonzepte unterstützen diese Synergie?

 

Fachleute aus der Sprachpädagogik, der naturwissenschaftlichen Bildung, der Lernforschung und der pädagogischen Fortbildung haben sich vom 23. bis 24. April 2012 bei einem Forum in Frankfurt a.M. ausgetauscht, zu dem die Stiftung "Haus der kleinen Forscher" gemeinsam mit der Metzler Stiftung, der Nordmetall-Stiftung, der Siemens Stiftung und dem ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen eingeladen hatte:

Status Quo Sprachförderung : Viele Initiativen, wenige Erfolgsnachweise
Es gibt deutschlandweit viele Initiativen und Programme zur Sprachförderung, die meistens bei Kindern mit Sprachproblemen ansetzen. Bisher fehlt jedoch ein klarer Konsens über die Ziele für die Kompetenzentwicklung bei Kindern und Fachkräften. Noch gibt es keine einheitlichen und fundierten Zieldimensionen für sprachliche Bildung. Das macht die Evaluation solcher Sprachprogramme schwierig. „Ihr Erfolg konnte in bisherigen Untersuchungen nicht eindeutig nachgewiesen werden", so Prof. Dr. Monika Rothweiler vom Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften an der Universität Bremen. Vieles spräche dafür, eine alltagsintegrierte sprachliche Bildung für jedes Kind zu etablieren, als Basis für den weiteren Bildungserfolg, und Kinder mit sprachlichen Defiziten zusätzlich zu fördern. Frau Dr. Steffi Sachse vom ZNL in Ulm verwies auf erste Studienergebnisse, die zeigen, dass die Effektivität alltagsintegrierter Sprachförderung über spezielle sprachliche Interaktionstrainings mit Erzieherinnen gestärkt werden kann.

Sprachliche Bildung oder Sprachförderung?
Der Begriff der sprachlichen Bildung ist selbst nicht klar definiert. "Allen Ansätzen der Sprachförderung liegt ein vorwiegend defizitorientierter Blick auf das Kind zugrunde und eine erwachsenenzentrierte Pädagogik. Sprachliche Bildung hingegen stellt das Kind als aktiven, kompetenten Mitgestalter seiner Bildung und Entwicklung in den Mittelpunkt, zielt auf Kompetenzstärkung ab und umfasst auch Bereiche wie Mehrsprachigkeit, Literacy und interkulturelle Bildung. Sprachliche Bildung findet im pädagogischen Alltag somit bei allen Bildungsprozessen quer durch alle Bildungsbereiche fortwährend statt. Mit diesen zeitgemäßen Vorstellungen ist Sprachförderung als Regelbegriff nicht mehr zu vereinbaren", führt Eva Reichert-Garschhammer vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München aus. Insgesamt besteht noch großer Forschungsbedarf.

Naturwissenschaftliche Bildung schafft Anlässe für Dialog
Die Fachleute im Forum sind sich einig darüber, dass Kommunikation und Sprache zum Forschen dazugehört. So beinhaltet der wissenschaftliche Erkenntnisprozess, zumindest ab dem Kindergartenalter, viel sprachlichen Austausch, etwa beim Formulieren der Forschungsfragen, dem Austauschen von Vermutungen, dem Beschreiben der Beobachtungen und dem Diskutieren der Ergebnisse. Dies erläuterte Prof. Dr. Ilonca Hardy von der Universität Frankfurt in ihrem Vortrag über die Entwicklung und Förderung des frühen naturwissenschaftlichen Verständnisses. Eine Studie von Prof. Dr. Charlotte Röhner an der Universität Wuppertal zeigt auf, dass es beim gemeinsamen Forschen tatsächlich mehr gemeinsam geteilte Denkprozesse zwischen Fachkraft und Kind gibt, die sprachlich verarbeitet werden, als in Alltagssituationen. Dazu gehört vor allem das Besprechen von Vorerfahrungen, das gemeinsame Überlegen, wie man der eigenen Frage nachgehen könnte, sowie das Reflektieren und Schlussfolgern.

Sprachliche Bildung vorantreiben heißt Stärkung der Interaktion mit dem Kind
Genau wie die frühe naturwissenschaftliche Bildung wird die sprachliche Bildung und Entwicklung durch Interaktion zwischen pädagogischer Fachkraft und dem Kind begleitet und unterstützt. Dietlinde Schrey-Dern, Leiterin des Referats „Sprachförderung" beim Deutschen Bundesverband für Logopädie e.V.: "Viele Erzieherinnen und Erzieher verfügen bereits über das Wissen, wie sprachliche Bildung gut gelingen kann, dennoch bleibt die konkrete Anwendung in der spontanen Interaktion mit dem Kind eine herausfordernde Situation." Schrey-Dern plädiert daher für konkrete Praxisbeispiele und das Training der direkten Interaktion zur Unterstützung der pädagogischen Fachkraft. Wenn es um die gezielte sprachliche Förderung von Kindern geht, sind darüber hinaus noch weitere Kompetenzen und Wissen über Sprache notwendig. Dass Erzieherinnen diese Kompetenzen erwerben können, darauf geben die Evaluationsergebnisse des Qualifizierungsmoduls „Sprache, Sprachentwicklung, Spracherwerbsstörungen und Mehrsprachigkeit" der Universität Hamburg und der Vereinigung Hamburger Kindertagesstätten erste Hinweise.

Wahrnehmung und Erfahrung unterstützen Konzepterwerb und Sprachentwicklung
Die Neuropsychologie liefert spannende Erkenntnisse dazu, wie die Wahrnehmung und der Umgang mit den Dingen in der Welt sowohl mit der geistigen Konzeptentwicklung als auch mit der Sprachentwicklung zusammenhängen. PD Dr. Markus Kiefer aus der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm erklärte: "Das Wort 'Telefon löst bspw. in mehreren Hirnarealen Aktivität aus – nicht nur in der Sprachverarbeitung, sondern auch auditiv (man denkt ans Klingeln), visuell (wie sieht das Telefon aus?) oder handlungsbezogen (wie kann ich es benutzen?)." Das Erforschen und Entdecken ermögliche den Kindern vielfältige Sinneszugänge zu den Dingen ihrer Welt. "Während der Ansprache verschiedener Sinnesmodalitäten entwickeln die Kinder einen mentalen Begriff, also ein Konzept und dazu passend erlernen sie das sprachliche Symbol - das Wort," so Kiefer.
Auch positive Emotionen sind hierbei sehr bedeutsam, denn "im Hirn sind Spaß und Konzentration so ziemlich das gleiche!" so Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer vom ZNL. Neuropsychologische Studien haben gezeigt, dass eine positive Stimmung das nachhaltige Lernen und das kreative Problemlösen verbessert.

Die Kunst der alltagsintegrierten Bildung: Ein Fazit für die pädagogische Fortbildung
Die Erfahrungen aus den vorgestellten Projekten wie das "Haus der kleinen Forscher" oder „Versuch macht klug" der Vereinigung Hamburger Kindertagesstätten und der NORDMETALL-Stiftung, der Siemens-Stiftung und dem Kinderlabor der Universität Potsdam weisen darauf hin, dass die Freude beim gemeinsamen Entdecken und Erforschen sowohl bei Kindern als auch bei Fachkräften groß ist. Für eine gezielte Entwicklungsunterstützung in den Bereichen Sprache und Naturwissenschaften sei es besonders wichtig, dass Pädagoginnen und Pädagogen über das entsprechende Fachwissen verfügen, d.h. Kenntnisse über den Forschungsprozess, linguistisches Hintergrundwissen, Wissen über die typische Entwicklung in beiden Kompetenzbereichen sowie über entsprechende Handlungsstrategien. Kontinuierliche Fortbildungen mit einfachen konkreten Beispielen könnten die pädagogische Handlungskompetenz der Fachkräfte nach und nach erweitern. Dies würde ihnen helfen, dass sie abgestimmt auf die Kinder und bestimmte Situationen noch bewusster und gezielter handeln können.

     

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