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"Überfördern wir unsere Kinder?"

darüber diskutierten Experten aus Wissenschaft, Politik, Praxis und Gesellschaft in Stuttgart.

"Kein Kind zurücklassen"

Staatssekretärin Marion von Wartenberg hielt das Grußwort zur Veranstaltung.

"Den Kindern ein geborgenes Umfeld bieten"

Petra Kilian leitet eine Kita in Stuttgart und engagiert sich in der GEW.

"Äußerst anspruchsvoll"

Prof. Dr. Diemut Kucharz würdigt die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher.

"Angebote sinnvoll ergänzen"

Isabel Fezer, Stuttgarter Bürgermeisterin für Jugend und Soziales, lobte den Einsatz von Bildungsinitiativen.

"Die Erzieherin muss auch verstehen, was sie da tut"

Christian Füller beklagte zu komplexe Materialien und Experimente.

"Wir fördern eine Haltung"

Dr. Janna Pahnke über das pädagogische Konzept vom "Haus der kleinen Forscher".

Stuttgart, 12. November 2015. Podiumsdiskussion "Überfördern wir unsere Kinder? Kindheit zwischen Förderung und Überförderung"

„Die Kinder nicht mit Dingen überfordern, die sie nicht verstehen“

Unzählige Studien belegen: Die Weichen für das weitere Leben werden im frühen Kindesalter gestellt. In der Folge hat das Thema frühkindliche Bildung in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung erlebt, es entstanden zahlreiche neue Bildungsinitiativen und Programme, mit dem Ziel, die Kinder immer früher und immer umfangreicher zu fördern. Doch was genau heißt eigentlich fördern? Was ist sinnvoll und was nicht? Wo geben wir dem Drängen der Eltern und dem Druck der Wirtschaft nach, und was ist wirklich zum Wohl der Kinder? Darüber diskutierten am 12. November im Stuttgarter Literaturhaus Experten aus Wissenschaft, Praxis, Politik und Gesellschaft.

Es diskutierten:

  • Prof. Dr. Diemut Kucharz, Professorin für Grundschulpädagogik, Goethe Universität Frankfurt am Main
  • Isabel Fezer, Stuttgarter Bürgermeisterin für Soziales, Jugend und Gesundheit
  • Christian Füller, Journalist und Buch-Autor
  • Petra Kilian, Kita-Leiterin und stellv. Landesvorsitzende der GEW – Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
  • Dr. Janna Pahnke, Wissenschaftliche Leiterin Stiftung „Haus der kleinen Forscher“

Moderator: Jan-Martin Wiarda, Wissenschafts- und Bildungsjournalist

(c) Stiftung Haus der kleinen Forscher/Robert Thiele
Podiumsrunde in Stuttgart (c) Stiftung Haus der kleinen Forscher/Robert Thiele

Stuttgart, 12. November 2015. Es sei eine zentrale Zukunftsaufgabe für die Landesregierung, für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen. Kein Kind dürfe zurückgelassen werden, sagte Marion von Wartenberg, Staatssekretärin im baden-württembergischen Kultusministerium, bei ihrem Grußwort. Eine bestmögliche Förderung sei daher unerlässlich. Das Land gehe dabei die notwendigen Schritte, um ein gutes Umfeld zu schaffen und die Rahmenbedingungen für die pädagogischen Fachkräfte zu verbessern, die eine zentrale Rolle in der frühen Förderung spielten. Baden-Württemberg habe in den letzten Jahren massiv in den Ausbau von Kitas investiert und belege nun beim Betreuungsschlüssel bundesweit eine Spitzenposition.

Was brauchen Kinder?

Wie denn die optimale Kita aussehen würde, fragte der Moderator Jan-Martin Wiarda die erfahrene Erzieherin Petra Kilian, die eine Kita in Stuttgart leitet und zudem als stellvertretende Landesvorsitzender der GEW Erzieherinnen und Erziehern vertritt. Das Wichtigste sei, den Kindern ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich geborgen fühlen, so Kilian. Doch wozu braucht es dann überhaupt Initiativen wie das ‚Haus der kleinen Forscher‘? „Das geborgene Umfeld ist die Wurzel und das Fundament für alles Weitere, das braucht es ganz dringend. Darauf aufbauend können Initiativen wie das ‚Haus der kleinen Forscher‘ bei der Entfaltung helfen“, so Dr. Janna Pahnke von der Stiftung "Haus der kleinen Forscher".

Wäre die Kita nur ein Ort, an dem sich Kinder geborgen fühlen sollen, so wäre die Entwicklung der letzten zehn Jahre unnötig gewesen, befand der Journalist Christian Füller. Vielmehr sei die Kita eben auch ein Ort des Lernens. Gleichzeitig kritisierte er die ausufernden Angebote, die Kitas oftmals anbieten müssten und den Druck der Eltern, die massive Anforderungen an die Erzieherinnen und Erzieher stellten.

Überfordern wir unsere Erzieher?

Ganze Lehrpläne würden manche Eltern auseinandernehmen und einfordern, erzählte Füller, wie sollten die Erzieherinnen und Erzieher diesen Ansprüchen gerecht werden? Ein Punkt, dem alle Podiumsgäste zustimmten: Die Anforderungen seien in den vergangenen Jahren stark gewachsen, stellte Prof. Dr. Diemut Kucharz fest. Die pädagogischen Fachkräfte müssten nicht mehr nur für das Wohlergehen der Kinder sorgen, sondern unterschiedlichste Programme zur Sprach-, Musik-, MINT- und Kunstbildung anbieten – etwas, das durch die Ausbildung kaum ausreichend aufgefangen werden könnte. Isabel Fezer sah daher die Ergänzung durch andere (Fort-)Bildungsinitiativen positiv. Dass Erzieherinnen und Erzieher für die an sie gestellten Anforderungen nicht ausreichend gesellschaftliche, politische und finanzielle Anerkennung erhalten, fand ein Großteil des Podiums. Gerade bei den vergangenen Streiks habe man sehen können, dass den öffentlichen Bekenntnissen zur Arbeit der Pädagoginnen und Pädagogen keine Taten folgen würde, so Füller. Petra Kilian betonte, dass es nicht nur um das Gehalt gehe, viele Kolleginnen und Kollegen wünschten sich vor allem bessere Arbeitsbedingungen, insbesondere mehr Zeit für Vor- und Nachbereitung, weniger vollgestopfte Arbeitstage und einen besseren Personalschlüssel.

Keine lebensfernen Inhalte vermitteln

Christian Füller beklagt unverständliche Materialien. Foto: Stiftung Haus der kleinen Forscher/Robert Thiele

Darüber, dass Kinder von Natur aus mit großem Wissensdurst ihre Umwelt erkunden, herrschte Einigkeit bei den Podiumsgästen. Deswegen bräuchte es auch gar nicht eine ständige Reizüberflutung, es sei wichtig, dass Kinder ihre Umwelt auf eigene Faust entdecken können und beispielsweise die Pfütze oder den Regenwurm intensiv untersuchen, so Isabel Fezer. Christian Füller kritisierte in diesem Zusammenhang künstlich geschaffene Szenarien mit Dingen, die weder die Erzieherinnen und Erzieher noch die Kinder wirklich verstehen würden und die den Kindern auch nicht das korrekte Wissen vermitteln würden. Janna Pahnke entgegnete, es gehe nicht um die Erklärung physikalischer Formeln, sondern um das Interesse an Phänomenen und die vermittelte Haltung, sich mit etwas auseinanderzusetzen, eigene Beobachtungen zu machen, zu prüfen, diese zu bestätigen oder verwerfen und so am Ende die eigenen Schlüsse zu ziehen.

Dem stimmten auch Diemut Kucharz und Petra Kilian zu: Es sei wichtig, die Situationen aufzugreifen und den Kindern zu ermöglichen ihre Beobachtungen weiter zu untersuchen. Gerade heute hätten die Kinder in ihrer Kita bunte Kreide in Wasser getaucht und zerbröselt, erzählte Kilian. Es wäre natürlich eine nachvollziehbare Möglichkeit gewesen, die Situation zu beenden und die Kreide nicht zu „verschwenden“ – stattdessen hätten die Erzieherinnen die Fragen der Kinder aufgegriffen und weitere Nachforschungen unterstützt.

"Überförderung" durch Überforderung

Das wiederum sei äußerst anspruchsvoll und schwierig, ergänzte Diemut Kucharz. Es erfordere nicht nur eine gute Beobachtungsgabe, sondern auch das Erkennen potenzieller Situationen sowie das Feingefühl und die Erfahrung zu wissen, wann man eingreifen solle und weitere Impulse hilfreich seien und wann die Kinder alles hätten, was sie bräuchten.

Neben den Arbeitsbedingungen kristallisierte sich die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher als zentraler Faktor heraus. Wenn an die pädagogischen Fachkräfte Anforderungen gestellt würden, denen sie aus verschiedenen Gründen nicht genügen könnten und für die ihnen die entsprechende Ausbildung fehle, dann würden das auch die Kinder merken. Kindern seien an und für sich schwer zu überfördern, das Wichtigste sei, ihnen die Zeit und den Raum zuzugestehen, den sie für den Moment benötigten. Man solle sie nur nicht ständig mit neuen Reizen überfluten.

Das Fazit der Diskussion lautet: Eine „Überförderung“ von Kindern hänge eng mit einer Überforderung der pädagogischen Fachkräfte zusammen. Was für eine gute Förderung in Kitas wirklich nötig sei, seien gute Arbeitsbedingungen für Erzieherinnen und Erzieher sowie Vertrauen und Anerkennung, so die Meinung auf dem Podium.

 

Veranstalter der Podiumsdiskussion war die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ mit freundlicher Unterstützung des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg.

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