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Interview

Kleidung ohne Gift und Müll ist möglich

In den 90er-Jahren entwickelte Prof. Dr. Michael Braungart gemeinsam mit William McDonough das sogenannte Cradle-to-Cradle-Verfahren – ein Designkonzept für Produkte, die keinen Abfall hinterlassen. Wir sprachen mit ihm über Pestizide, rosa Elefanten und essbare Sofabezüge.

Michael Braungart sitzt im Anzug in einer Wiese
© Philipp Loepfe
Michael Braungart ist Geschäftsführer von EPEA - Internationale Umweltforschung

Vor welchem Hintergrund haben Sie das Cradle-to-Cradle-Prinzip entwickelt und was hat es mit ökologischer Kleidung zu tun?

Michael Braungart: Etwa die Hälfte der weltweiten Abwasserprobleme entsteht durch Giftstoffe, die im Herstellungsprozess der Textilindustrie verwendet werden: Im Textilbereich werden derzeit ca. 20.000 Chemikalien verwendet. Von denen sind die meisten überhaupt nicht für Biokreisläufe geeignet. Zudem trocknen ganze Landstriche aus, unter anderem weil bei der Baumwollproduktion extrem viel Wasser verbraucht wird. Diese Zustände, die sich über Jahre so entwickelt haben, kann man nicht so einfach stoppen – schließlich leben vor allem in Entwicklungsländern viele Menschen von der Textilindustrie. Es gibt aber inzwischen saubere Produktionsverfahren. Auf die muss umgestellt werden.

Was heißt "Cradle to Cradle"?

Das Cradle-to-Cradle-Prinzip (wörtlich: von der Wiege in die Wiege) orientiert sich am Vorbild der Natur. Die wesentliche Idee besteht darin, Produkte zu entwickeln, die in ihrer Herstellung und im Gebrauch keinen Abfall erzeugen und damit unbegrenzt im Umlauf sein können. Es wird zwischen zwei Kreisläufen unterschieden:

  • Im biologischen Kreislauf kursieren Produkte, die vollständig abbaubar sind (zum Beispiel Verpackungen, Kleidungsstücke aus Naturfasern, Kosmetik, Reinigungsmittel). Sie werden benutzt und können dann beispielsweise kompostiert werden.
  • Im technischen Kreislauf zirkulieren Gebrauchsgüter (zum Beispiel Autos, Waschmaschinen, Fernseher oder Teppiche). Diese sind so entworfen, dass sie möglichst lange halten und bei Bedarf repariert werden können. Am Ende ihrer Lebenszeit können die darin enthaltenden Wertstoffe wieder zurückgewonnen und für neue Produkte benutzt werden.

Und Cradle to Cradle ist solch ein sauberes Herstellungsverfahren?

M. B.: Die Cradle-to-Cradle-Idee besagt: Alles wird zum Nährstoff. Ich halte den Gedanken der Abfallvermeidung grundsätzlich für zweifelhaft, denn wenn ich das Wort höre, denke ich immer noch an Müll. Das ist als würde ich Sie auffordern: „Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten – an was denken Sie dann?“ Mein Ziel ist es vielmehr, dass man alle Verbrauchsgüter aufbrauchen kann, ohne dem Menschen oder der Natur zu schaden. Wir haben zum Beispiel einen Sofabezug entwickelt, den Sie theoretisch sogar essen können. Er enthält überhaupt keine schädlichen Stoffe. Gebrauchsgüter kann man mehrfach verwenden. Ich kaufe dann zum Beispiel keine Waschmaschine mehr, sondern 3.000 Waschladungen. Danach holt der Hersteller das Gerät wieder ab, tauscht gegebenenfalls ein paar Teile aus und sie kann weiter benutzt werden. Prinzipiell sollten alle Produkte aus Teilen bestehen, die man gefahrlos in den biologischen Kreislauf zurückgeben kann.

Welche Vorteile hat das Verfahren für den Menschen?

M. B.: Der Vorteil ist, dass Produkte, die nach diesem Verfahren hergestellt sind, nicht nur nicht schädlich für den Menschen sind, sondern sie können sogar gesund sein. Wir entwickeln zum Beispiel Textilien, die die Haut pflegen. Wir achten zudem auf faire Produktionsbedingungen in den Herstellungsländern.

Klingt hervorragend. Warum ist die Methode noch nicht flächendeckend verbreitet?

Eine Nähmaschine näht ein Stück blaues Stoff
© pixabay
Textilien sollten die Haut pflegen und fair hergestellt sein

M. B.: Die Vermarktung ist nicht so einfach: 2013 brachte die Firma Puma zum Beispiel eine „InCycle“-Kollektion auf den Markt, die nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip gefertigt wurde. Aber erklären Sie mal Ihren Käuferinnen und Käufern, warum Sie dann neben diesen immer noch giftige Schuhe verkaufen. Die Designerin Britta Steilmann hat vor längerer Zeit bereits versucht, ihre gesamte Produktion umzustellen und es hat nicht funktioniert. Das Verfahren verbreitet sich allerdings immer mehr, das Bewusstsein der Menschen wächst.

Wo kann ich C2C kaufen?

Zertifizierte Cradle-to-Cradle-Produkte finden Sie auf der englischsprachigen Website c2ccertified.org. Über den Avocadostore sind C2C-Produkte online bestellbar.

Was müssen die Menschen tun, wenn sie gesunde T-Shirts möchten?

M. B.: Wichtig ist, dass die Menschen gezielt Produkte nachfragen, die keine giftigen Stoffe enthalten. Und es ist wichtig zu verstehen: Eine Umstellung der Produktionsbedingungen ist keine Moral-, sondern eine Innovationsaufgabe. Wir brauchen kleine Forscher, die daran interessiert sind, Textilien zu entwickeln, die keine giftigen Stoffe enthalten. Denn diese gelangen zum Beispiel über die Haut auch in die Muttermilch.

Wie bewerten Sie andere nachhaltige Produktionsverfahren?

M. B.: Es sind tatsächlich schon viele auf dem Weg. Aber: Weniger schlecht ist nicht gut! Weniger Abfall zu produzieren wäre übersetzt auf die Welt der Pädagogik das Gleiche als würde ich zur Verbesserung des Erziehungsstils vorschlagen: „Schlag dein Kind nur fünf und nicht zehn Mal.“

Magazin "Forscht mit!"

Auf dem Cover spielen zwei Kinder in einem Wäschekorb
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Forscht Mit! 3/2018

Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 3/2018 der Zeitschrift "Forscht mit!". Alle Kitas, Horte und Grundschulen, die beim "Haus der kleinen Forscher" mitmachen, bekommen sie kostenlos zugeschickt. Im Heft finden Sie immer wieder neue Ideen, um gemeinsam mit Kindern zu forschen und zu experimentieren. Ausgabe 3/2018 hat das Thema "In Hülle und Fülle".

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