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„Warum sollten wir Kinder künstlich dumm halten?“

Droht der Kindergarten durch frühe Förderung zu verschulen? Der Hirnforscher Martin Korte über nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten in der frühen Bildung und schlecht bezahlte Erzieherinnen und Erzieher.

Ein Junge pipettiert Wasser aus einem Reagenzglas.
© Stiftung Haus der kleinen Forscher
Wann immer Phänomene forschend hinterfragt werden, sind Kinder mit Begeisterung dabei.

Herr Korte, nicht wenige Menschen fürchten die Verschulung des Kindergartens oder gar Elitenförderung, wenn von frühem Forschen die Rede ist. Haben Sie Verständnis für solche Bedenken?

Ich glaube, der grundsätzliche Denkfehler dahinter ist ein ideologischer. Diese Kritiker haben Sorge, dass der strukturierte Unterricht, wie ihn die Schule bietet, zwei Jahre früher beginnt. Das ist aber nicht die Idee der frühen Förderung. Vielmehr geht es darum, wie man altersentsprechend spannende Themen aufbereiten kann. Warum sollten wir Kinder künstlich dumm halten? Die haben Fragen an die Welt, an Kausalitäten, an die Substanz von Stoffen und vieles mehr. Darauf zu verzichten, ginge doch an der Realität vorbei. Wann immer Experimente angeboten oder Phänomene forschend hinterfragt werden, sind Kinder mit großer Begeisterung dabei. Das Entscheidende ist, dass der Kindergarten ein Ort bleibt, in dem Kinder im sozial-emotionalen Raum viel lernen.

Also keine versteckte Vorschule?

Ein Vorziehen des schulischen Lernens bringt überhaupt nichts. Das zeigen Evaluierungen, in denen Zehnjährige aus England, wo die Kinder eine Vorschule besuchen, mit Altersgenossen aus anderen Ländern ohne Vorschule verglichen werden. Was Kindern tatsächlich etwas bringt, sind Konzepte, die im freien, offenen Lernraum spielerisch etwas "erarbeiten", angepasst an ihre jeweilige Altersgruppe. Es ist gerade eine der Stärken der Kindergärten, dass man auf die Interessen der Kinder eingehen kann – vorausgesetzt, man verfügt über ein didaktisches Repertoire. Dann kann man spontan überlegen, ob man zum Beispiel etwas über Aussehen und Struktur von Schneeflocken oder die Form von Regentropfen macht. Wenn man Kinder an ihrer eigenen Motivation und ihrem Interesse abholt, lernen sie spielend leicht. Auch in der Grundschule gibt es diese Räume noch. In weiterführenden Schulen müssen sich die Kinder dann nach dem Curriculum richten.

Sie sagten: "wenn man ein didaktisches Repertoire hat". Das zielt auf die oft als unzureichend bemängelte Ausbildung des pädagogischen Fachpersonals. Welche Unterstützung würden Sie sich von der Bildungspolitik wünschen?

Es muss mehr investiert werden. Es gibt zum Beispiel viele gute Gründe, über eine neue Gehaltstruktur nachzudenken und darüber, den frühkindlichen Bildungsbereich deutlich kreativer zu gestalten. Das können die Kommunen als Träger natürlich nicht allein stemmen; dafür müssen sie finanziell unterstützt werden.

Und jenseits finanzieller Forderungen?

Porträtfoto von Martin Korte. Er lacht.
© privat
Martin Korte ist Professor für Zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig.

Generell wünsche ich mir ein stärkeres Engagement im frühkindlichen Bereich. Es müsste möglich sein, eine akademische Erzieherausbildung an einer Fachhochschule zu machen – zur, sagen wir, Bachelor-Kindergärtnerin, also zur hoch qualifizierten Erzieherin, die neben Feinmotorik und Spiel auch die Sprache im Blick hat. Zusätzlich würde ich mir ein besseres Fortbildungssystem wünschen, damit Erzieher auf spontane Fragen angemessen reagieren können wie etwa: Woher kommt der Wind? Warum ist Wasser nass? Dafür braucht man eine didaktische Anleitung. Die Kindergärtnerinnen sollen in der Lage sein, Experimente umzusetzen. Ich würde mir auch wünschen, dass man daran denkt, fremdsprachige Kindergärtnerinnen einzustellen, vor allem Englisch sprechende. Kinder lernen nie wieder so gut Fremdsprachen wie früh im Kindergarten. Da reicht es aber nicht, ein Lied zu trällern.

Das klingt sehr ambitioniert.

Das darf natürlich nicht zu einem rein funktionellen Trainingsprogramm für Kinder werden. Dann wären Widerstände dagegen berechtigt. Wenn aber ein Muttersprachler mit den Kindern in einer anderen Sprache spricht, dann nehmen die Kinder das an. Ob sie auf Deutsch oder Englisch spielen, ist ihnen gleich. Warum sollte man den Kindern in dieser globalisierten Welt nicht die Chance eröffnen, zwei Sprachen spielerisch zu erlernen? Das muss dann aber auch durchdekliniert werden.

Wie meinen Sie das?

Die Spracherziehung muss in der Grundschule und den weiterführenden Schulen fortgeführt werden. Es gibt sehr schöne Beispiele aus Kindergärten in Göttingen, Berlin oder Wolfsburg. Das Beste daran ist, dass alle Kinder profitieren, nicht nur die von Akademikern.

Das Gegenargument lautet, man überfordere die Kinder.

Das Gegenteil ist der Fall: Man nimmt den Kindern Bildungsmöglichkeiten, ohne ihnen alternativ etwas zu bieten. Man sieht doch in mehrsprachigen Ländern wie Kanada oder der Schweiz, dass nicht nur die Klugen zwei oder drei Sprachen sprechen, sondern fast alle. Sprachfenster aber schließen sich im Gehirn und erschweren das Erlernen einer Fremdsprache nach dem zehnten Lebensjahr. Andere Themen kann man später trainieren, zum Beispiel die Bildung im Medienbereich. Wir brauchen keine iPads im Kindergarten. Es gibt kein Fenster, das sich schließt, wenn man nicht früh den Umgang damit übt. Die Kinder sollen erst einmal spielerisch erfahren, wie sich Wasser anfühlt, bevor es im Rechner animiert wird. Sonst lernen Kinder überhaupt nicht mehr frei zu spielen.

Magazin "Forscht mit!"

Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 1/2018 der Zeitschrift "Forscht mit!". Alle Kitas, Horte und Grundschulen, die beim "Haus der kleinen Forscher" mitmachen, bekommen sie kostenlos zugeschickt. Im Heft finden Sie immer wieder neue Ideen, um gemeinsam mit Kindern zu forschen und zu experimentieren. Ausgabe 1/2018 hat das Thema "Kinderspiel".

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